Reisedurchfall

Das Auftreten der sogenannten Reisediarrhoe wird von vielen Tropenreisenden als schicksalhafte Reisebegleiterscheinung mit geringen Auswirkungen auf Reise- und Lebensstil akzeptiert. Zwischen 25-50 % aller Fernreisenden erkranken, das betrifft somit jährlich ca. 3,5 Millionen Deutsche. Knapp ein Drittel muss mindestens einen Tag das Bett hüten, 40 % müssen kurzzeitig Ihre Reisepläne ändern.
Dabei sind Reisende nach Indien, Mittelamerika, Westafrika und Ägypten sehr viel häufiger betroffen als solche mit Reiseziel Karibik, Thailand oder den Malediven.
Auch Ziele in Ländern wie Spanien, Italien und die USA bergen ein, wenn auch sehr viel geringeres, Risiko.
Was ist eigentlich eine Reisediarrhoe?
Als Reisediarrhoe bezeichnet man einen mindestens 3-maligen ungeformten Stuhlgang pro Tag mit einem oder mehreren der folgenden Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Fieber oder Bauchschmerzen.
Die alleinige Umstellung der Darmflora mit einmalig breiigem Stuhl zählt streng genommen also nicht dazu.
Ursache sind je nach Region unterschiedlich häufig Bakterien (E. coli, Salmonellen, Shigellen- und Campylobacter etc.), Einzeller (v. a. Lamblien und Amöben) und besonders bei Kindern Rota- Norwalk-Viren, die im Gegensatz zu den o. g. Erregern hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. Die oft angeschuldigten Würmer sind sehr selten Ursache des Durchfalls.
Ca. 30 % der Durchfallerkrankungen sind auch mit aufwendigen Methoden keinem Erreger zuzuordnen, Viren werden als Auslöser vermutet.
Wer ist betroffen?
Grundsätzlich kann es jeden Reisenden treffen. Reiseziel, Regenzeit im Zielgebiet, geringer Hygienestand, Individualtourismus, Langzeitaufenthalt und Alter sowie chronische Erkrankungen (ggf. mit Abwehrminderung z. B. Diabetes mellitus u. a.) des Reisenden sind begünstigende Faktoren.
Zu wenig Magensäureproduktion im Alter oder medikamentenbedingte Minderung auch durch frei verkäufliche Magenmittel wie Rennie, Gelusilac u. a. lassen Durchfallerreger besser in den Darmtrakt gelangen. Die dort häufig produzierten Zellgifte stören den örtlichen Stoffwechsel, es kommt zu Wasserausscheidung in den Darm.
Wie kann ich mich schützen?
Es gilt der Leitsatz "Cook it, boil it, peel it or forget it" (Koche es, schäle es oder vergiss es). Bitte denken Sie auch an das Händewaschen zum Essen.
Selbstverständlich sollte von rohen Speisen wie z. B. Tartar, Austern, Muscheln, Mariniertem, rohe Gemüse, Fruchtsalat, offenem Eis / Eiswürfeln, nicht abgekochte Milch, Majonäse und Leitungswasser abgesehen werden.
Als relativ sicher können abgekochte Nahrungsmittel, selber geschältes Obst, abgekochte / pasteurisierte Milch sowie industriell abgepackte Lebensmittel gelten.
Achten Sie bei Getränken auf einen korrekten Verschluss (Zischen beim Öffnen) und kaufen Sie auf einem Gemüsemarkt nur nach Stückzahl, nicht nach Gewicht, einige Obstsorten können mit unsauberem Wasser "aufgespritzt" sein.
Im Alltag bedarf es jedoch manchmal einer harten Disziplin, um diese Empfehlungen konsequent umzusetzen.
Was bedeutet das für den Alltag?
Hier einige praktische Tipps für den Reisenden
- Eis aus industrieller Produktion statt Eis aus offenen Behältern
- Getränke aus industrieller Produktion (auf intakten Verschluss achten) statt Drinks mit Eiswürfeln
- Obst selbst schälen statt Obstsalat oder gepresstem (und oft mit Wasser verdünnten) Fruchtsaft am Straßenrand
- durchgekochte oder gebratene Meeresfrüchte statt Muscheln etc.
- Zähneputzen mit Mineralwasser statt Leitungswasser
- Händewaschen vor dem Essen
- Baden entfernt von Flusseinmündungen, so vermeiden Sie die Aufnahme von kontaminiertem Süßwasser (Abwasser).
Was kann ich bei Reisediarrhoe tun?
Untersuchungen an Reisenden haben gezeigt, dass bei über 90 % der oft wässrige Durchfall nach zwei bis maximal sechs Tagen spontan zur Ausheilung kommt
Für die meisten ist somit eine überbrückende, den Flüssigkeits- und Elektrolytverlust aus-gleichende Therapie ausreichend.
Die WHO empfiehlt die ORS-Lösung (in Drogerien und Apotheken erhältlich).
Behelf:
2 Esslöffel Zucker
1 Teelöffel Kochsalz
1/2 Teelöffel Natron
auf einen Liter abgekochtes Wasser
Natron ist aus den Backregalen der Lebensmittelgeschäfte erhältlich, Salz und Zucker sowie sauberes Wasser sind im Reiseland vorhanden.
Orientieren Sie Ihren Flüssigkeitsbedarf an der Farbe Ihres Urins, er sollte die von zu Hause bekannte hellgelbe Farbe besitzen.
Bitte bedenken Sie, dass Durchfall auch Symptom einer anderen Erkrankung z. B. Malaria, Hepatitis (= Gelbsucht) u. a. sein kann.
Risikogruppen Kinder und Senioren
Kinder verlieren im Verhältnis zu Ihrem Gewicht relativ schnell und viel Flüssigkeit. Hier ist eine gezielte und präzise Substitution mit Fertigpräparaten nötig.
Als Richtgröße nach jedem Durchfall-artigen Stuhl kann gelten:
· Kinder < 2 J.: 1/4-1/2 Tasse = 50-100ml
· Kinder 2-10 J.: 1/2-1 Tasse = 100-200 ml
· Kinder > 10 J. 2 Tassen = 400 ml
· Erwachsene : 2 Tassen = 400 ml
Senioren haben abhängig von der Altersgruppe bis zu 20 % weniger Flüssigkeitsreserven.
Einige Dauermedikamente (z. B. Digitalis u. a) sind in Ihrer Wirkung vom Blutsalzgehalt abhängig.
So kann eine banaler Durchfall bei Senioren schneller zu erhöhter Sturzneigung, Hirnleistungsminderung, Herzproblemen und Infektionen führen.
Mit Loperamid geht es doch weg?
Der Sinn einer Medikation mit dem Motilitätshemmer Loperamid ist umstritten. Während der Körper durch den Durchfall u. a. Keime drainieren möchte, wirkt dieses Mittel dem genau entgegen.
Eine so erreichte Verbesserung wird durch eine längere Verweildauer der Keime im Darm erkauft, die Abheilung dauert länger.
Sinnvoll ist dies nur bei massivem Flüssigkeitsverlust, ohne dass ausreichend Flüssigkeit z. B. wegen Erbrechen aufgefüllt werden kann oder als kurzzeitige Überbrückung bei anstehender kurzdauernder Flugreise o. ä..
Durchfall mit Blut, Erbrechen oder Fieber
Dies sind Zeichen einer ernsten Erkrankung und sollten einer ärztliche Abklärung zugeführt werden. Dies gilt insbesondere für Kinder, Senioren und chronisch Kranke.
Und wenn kein Arzt erreichbar ist??
Bei den meisten Reisedestinationen ist heute innerhalb 24 Std. eine ärztliche Betreuung gewährleistet - auch wenn sie gelegentlich etwas Geld kostet.
Sollten Sie vor Reisebeginn absehen können, dass Sie sehr abgelegene Regionen bereisen, so lassen Sie sich vorher unter Abwägung Ihres persönlichen Nutzen-Risiko-Profils von mir ein Antibiotikum rezeptieren (z. B. Cotrimoxazol, Gyrasehemmer wie Ofloxacin/Ciprofloxacin, Tetrazykline o. a.).
Sicher ist: es gibt nicht das Durchfallmittel, das mit großer Sicherheit die Erkrankung bekämpft.
Spätestens nach Rückkehr sollte stets eine ärztliche Abklärung erfolgen.
Gibt es da keine Impfung?
Bei der Suche nach einem neuen Cholera-Impfstoff ist man in den vergangenen Jahren auf einen oralen Impfstoff gestoßen, der derzeit klinisch getestet wird.

